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Birgit Tremml-Werner - Taiwan neu erzählen: Überlegungen zum Erbe der Nan’yō shi der Kaiserlichen Universität in Taipei

Kurz nach der Gründung der kaiserlichen Universität in Taipei im Jahr 1928 (Taihoku Teikoku Daigaku), stattete der amtierende japanische Generalgouverneur diese mit einem Lehrstuhl zur Geschichte Südostasiens (Nan’yō shi, eigentlich Südseegeschichte) aus. Dabei handelte es sich nicht nur im japanischen Kaiserreich, sondern auch international um eine Neuschöpfung. Der Schwerpunkt der Nan’yō shi in Taipei lag auf der kolonialen Vergangenheit Südostasiens, wobei der Einfluss europäischer Kolonialmächte und die Rolle Japans vor dem 19. Jahrhundert überhöht dargestellt, Taiwan selbst zudem vollkommen marginalisiert wurde. Dafür ist besonders der erste Lehrstuhlinhaber, Murakami Naojirou verantwortlich. Seine Forschungs-, Lehr- und Übersetzungstätigkeiten, seine methodischen Zugänge, und sein Geschichtsverständnis wirken sich bis heute epistemisch auf das wissenschaftliche und populärhistorische Verständnis der Geschichte Südostasiens und Taiwans aus.

Im Vortrag wird die anachronistische Behandlung taiwanesischer Geschichte diskutiert, um einerseits der Frage nachzugehen, inwieweit Murakamis Verständnis wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und moderner Diplomatie sein Geschichtsbild prägte. Andererseits soll geklärt werden, inwieweit die von japanischen Forschern veranlasste Wissensgenerierung und -kategorisierung in Südostasien geopolitischen Motiven folgte. Darauf aufbauend soll schliesslich diskutiert werden, welche Grenzen und Wissenstraditionen es zu überwinden gilt, um – wie jüngst gefordert – Taiwan und die Geschichte seiner Bewohner neu zu denken und zu schreiben, kurz, inklusiver und nuancierter zu erzählen.

Birgit Tremml-Werner ist Historikerin und Japanologin. Nach der Promotion im Jahr 2012 an der Universität Wien absolvierte sie von 2013 bis 2015 ein Postdoc-Fellowship an der Universität Tokyo. Von 2016 bis Oktober 2019 war sie Projektmitarbeiterin am Lehrstuhl für Globalgeschichte der Universität Zürich. Derzeit vertritt sie die Professur für Mittelalterliche Geschichte aus globaler Perspektive am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die vormoderne und koloniale Geschichte Ost- und Südostasiens, Diplomatiegeschichte und globale Wissensgeschichte.

Genauere Informationen: bit.ly/2020_01_15

Nach der Lecture laden wir zu einer Agape ein. Bitte hier registrieren

 

Datum: 15. Januar 2020

Zeit:     17:00 - 18:30

Ort:      SIN 1, Eingang 2.3, Campus, Altes AKH, Spitalgasse 2 

Institut für Ostasienwissenschaften
Universität Wien
Spitalgasse 2 - Hof 2
1090 Wien
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